Der deutsche M&A Markt 2020 – Ein Ausblick

Zusammenfassung

  • Weiterhin robuste M&A-Aktivität auf leicht reduziertem Niveau erwartet
  • Zunahme von Carve-outs, Spin-offs und vor allem krisenbedingten Transaktionen
  • Weltwirtschaft durch stetige und weiterhin zunehmende Unsicherheit beeinflusst
  • Hohe Bewertungsniveaus begünstigen in den nächsten 12 Monaten noch weiterhin attraktive Exits – Der Handlungsdruck steigt
  • Automotive, Maschinenbau, Chemieindustrie weiter unter Druck
  • Zunehmend konservativeres Finanzierungsumfeld erschwert Buy-outs

 

Marktentwicklung

Trotz einer seit Jahren erstmals rückläufigen M&A-Aktivität (Deal Value: -15%, Transaktionszahl: -9%), ist für das Jahr 2020 – ceteris paribus – davon auszugehen, dass sich der M&A-Markt in Deutschland weiter robust entwickelt und sich in etwa auf dem Vorjahresniveau bewegen wird. Der rückläufige Trend des vergangenen Jahres lässt sich in erster Linie durch das international rückläufige Wirtschaftswachstum sowie einer weiterhin hohen konjunkturellen Unsicherheit begründen. Davon unberührt ist in den Industrien TMT, Medizintechnik, Pharma und Konsumgüter weiter mit einer hohen Zahl an Transaktionen zu rechnen.

Es gilt dabei immer die gegenwärtigen makroökonomischen Rahmenbedingungen im Hinterkopf zu behalten: Die globale Verschuldung hat mittlerweile historische Ausmaße angenommen und beträgt mehr als das Dreifache der weltwirtschaftlichen Gesamtleistung. Hinzu kommt eine zunehmende Blase an den Anleihemärkten, welche mit einem negativen und zugleich inversen Zinsumfeld einhergeht. Dies sorgt vor allem auch zu einer stetigen Zunahme von sog. „Zombie-Unternehmen“, also Unternehmen, die zur Deckung ihrer Finanzverbindlichkeiten weiteres Fremdkapital aufnehmen müssen. Zudem erhöhen Verwerfungen an den internationalen Finanzmärkten, diverse Handelskriege bedingt durch zunehmenden Protektionismus und die hohen Staatsschulden einzelner Länder, insbesondere Italien – dem aktuell größten Sorgenkind der EU, die Gefahr der nächsten großen Wirtschaftskrise. Kein Experte kann allerdings voraussagen, wann die nächste Krise voll einsetzen und in welchem Ausmaß diese wirken wird. Kommt es zu dem häufig heraufbeschworenen großen Einbruch, dann wäre dies zumindest eine Krise mit der vermutlich längsten öffentlichen Vorwarnzeit überhaupt. Eine mögliche scharfe Krise wie in 2008 oder gar noch stärker wie von einigen Experten befürchtet, hätte natürlich auch massive Auswirkungen auf die weltweiten M&A-Märkte.

 

Trends

International agierende Konzerne werden auch das laufende Geschäftsjahr nutzen, um sich von Randaktivitäten oder unprofitablen Geschäftsbereichen im Wege von Spin-offs oder Carve-outs zu trennen, um so für die heraufbeschworene Krise besser vorbereitet zu sein. Die so freiwerdenden Mittel und Ressourcen werden genutzt, um in Innovationen, Digitalisierung und disruptive Technologien zu investieren. Diese Assets waren und sind vor allem im Fokus von Private Equity Investoren, die sich eine größere Wertsteigerung dieser Unternehmenseinheiten außerhalb eines Großkonzerns versprechen. Ein Beispiel dafür ist der aktuell noch laufende Verkauf des Aufzugsgeschäfts von Thyssen Krupp im Wert von ca. 12 – 15 Mrd. EUR. Strategische Investoren hingegen werden weiterhin Transaktionen verfolgen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit in einer zunehmenden digitalen und sich rasch verändernden Welt nachhaltig verbessern. Private Equity Investoren sind aktuell vor allem auch damit beschäftigt, einen höheren Fokus auf die von der Industrierezession betroffenen Portfoliounternehmen zu legen und versuchen, diese durch diverse operative Maßnahmen krisenresistenter zu machen. Es ist davon auszugehen, dass sofern kein akuter exogener Handlungsdruck besteht, die von der Industrierezession betroffenen Unternehmen vorerst nicht zum Verkauf gestellt werden.

Des Weiteren wird die Zahl der Transaktionen im Bereich „Distressed M&A“ nach einem bereits signifikanten Plus in 2019 weiter stark zunehmen. Im zurückliegenden Geschäftsjahr konnte man einen deutlichen Anstieg vor allem größerer Insolvenzen (+42%) beobachten. Prominente Beispiele sind hier u.a. Thomas Cook, Gerry Weber, Eisenmann, Kettler oder Germania. In der Automotive-Industrie, im Maschinenbau und der chemischen Industrie stecken viele Unternehmen bereits seit vielen Monaten in der Krise, so dass man insbesondere auch hier von einer weiteren krisenbedingten Konsolidierungswelle ausgehen muss. Ferner wird es in den nächsten 12 bis 18 Monaten eine Zunahme von krisenbedingten Transaktionen im Einzelhandel, e-commerce und im Finanzsektor geben. Nicht jedes in der Krise befindliche Unternehmen wird auch einen neuen Eigentümer finden. Im Zweifel müssen diese Unternehmen im Falle einer etwaigen Insolvenz sogar abgewickelt werden.

Unternehmen, die den technologischen Wandel verschlafen und deren Produkte bzw. Services vermehrt austauschbarer bzw. substituiert werden, werden zunehmend uninteressanter für Investoren. Dies führt für diese Unternehmen zu sinkenden Bewertungen und einem kontinuierlich schrumpfenden Bieterumfeld. Im Extremfall werden einige Unternehmen aus diesen Branchen komplett unverkäuflich werden. Damit steigt aktuell der Handlungsdruck für die Eigentümer der betroffenen Sektoren, um die in den Unternehmen gebundenen Vermögenswerte ggfs. noch zeitnah zu liquidieren und ins Privatvermögen zu transferieren.

 

Bewertungsumfeld

Bislang hat sich das allgemeine Bewertungsumfeld trotz der konjunkturellen Verunsicherung noch nicht spürbar verändert und bewegt sich weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. Laut Mergermarket lagen in Deutschland die durchschnittlichen EBITDA-Multiples in 2019 mit 10,2x noch einmal leicht über Vorjahr (9,8x). Allerdings ergibt sich bei der Analyse der einzelnen Branchen und ihrer Sub-Sektoren ein deutlich differenzierteres Bild. Bewertungen in den Branchen Automobil, Öl/Gas, Telekommunikationsdienstleistungen und Maschinenbau stehen stark unter Druck und haben sich in den vergangenen drei Jahren deutlich nach unten bewegt. Auch die Zulieferer dieser Sektoren müssen ihre Business Pläne nach unten korrigieren mit entsprechend negativen Auswirkungen auf ihre Bewertungen. Hingegen erfreuen sich Unternehmen mit starken Wachstumsaussichten, einer geringen Zyklizität sowie einer soliden und ausbaufähigen Profitabilität weiterhin einer hohen Nachfrage. Hier werden EBITDA-Multiplikatoren von 7- 9x oder auch mehr weiterhin erreichbar sein. Insbesondere für IT-, Software- und Technologieunternehmen werden EBITDA-Multiples von 10x und darüber hinaus auch in Zukunft eher die Regel als die Ausnahme sein, wobei letztlich die Qualität der jeweiligen Geschäftsmodelle ausschlaggebend ist. Das gegenwärtige Zinsumfeld und die hohe Liquidität der Investoren, die auf eine nur begrenzte Zahl renditestarker, solider und gut aufgestellter Assets trifft, werden zumindest in den nächsten Monaten das Bewertungsniveau weiter hochhalten. Insgesamt gehen wir jedoch davon aus, dass der Bewertungshöchststand erreicht wurde und die Bewertungen tendenziell sinken könnten. Damit besteht für Unternehmer, die in den nächsten 2-3 Jahren ihre Nachfolge regeln wollen, sowie für PE-Investoren, die über gut laufende Portfoliounternehmen verfügen, heute noch ein attraktives Zeitfenster, den Exitprozess bald einzuleiten.

 

Finanzierungsumfeld

Durch die bereits in 2019 zu beobachtende zunehmende Zurückhaltung der LBO-finanzierenden Banken wird der M&A-Markt künftig negativ beeinflusst. Banken werden spürbar misstrauischer und prüfen ihre Engagements sorgfältiger. Dies bekommen vor allem Unternehmen aus zyklischen Industrien und solche mit einem hohen Exportanteil zu spüren. Die damit einhergehenden konservativeren Finanzierungsstrukturen münden in strengere Eigenkapitalanforderungen und sinkende Debt-Multiples. Diese wiederum führen zu niedrigeren Bewertungsmultiples, wenn Private Equity Investoren nicht ihre gesetzten Eigenkapitalrenditeerziele aufgeben wollen. Waren vor einigen Jahren noch Eigenkapitalquoten von 25 bis 35% möglich, sind heute in den meisten Fällen 45 – 50% üblich.

 

Fazit

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass der M&A-Markt in 2020 gemessen an der Zahl der abgeschlossenen Transaktionen voraussichtlich eine Seitwärtsbewegung zeigen wird, während der Anteil krisenbedingter Transaktionen deutlich zunehmen wird. Das Finanzierungsumfeld wird die von Private Equity Investoren aufgerufenen Bewertungen negativ beeinflussen. Für Unternehmer und Private-Equity Investoren bietet sich für konjunkturresistente Geschäftsmodelle noch immer ein attraktives Exit-Zeitfenster. Allerdings bleibt die allgemeine wirtschaftliche Unsicherheit weiterhin sehr hoch und exogene Schocks könnten die nächste große Rezession jederzeit auslösen.

 

Artikel von Marco Strogusch, Partner, IMAP M&A Consultans AG 

Quellen: mergermarket, Handelsblatt, Finance-Magazin

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